Dienstag – Wenn Zeit zur Herausforderung wird

Schon beim zweiten Patienten wird klar, dass heute nichts wirklich nach Plan laufen wird. Er wirkt deutlich schwächer als sonst. Das Aufsetzen im Bett fällt ihm schwer, seine Bewegungen sind unsicher.

Ich unterstütze ihn intensiver als üblich, helfe beim Umlagern, stabilisiere ihn beim Aufstehen und bleibe dicht bei ihm, falls er das Gleichgewicht verliert. Jeder Handgriff braucht heute mehr Zeit.

Eigentlich müsste ich längst weiter.
Meine Tour ist voll. Weitere Patientinnen und Patienten warten. Blutzucker messen, Insulin verabreichen, Medikamente richten, eine Wundversorgung steht ebenfalls noch an.

Und trotzdem bleibe ich etwas länger als geplant, weil ich sehe, dass es heute nicht anders geht.

Im Auto danach schnaufe ich kurz durch. Ein Moment Stille, bevor es direkt weitergeht. Ich weiß, dass ich jetzt schon hinter dem Zeitplan liege. Aber Pflege lässt sich nicht immer takten. Man arbeitet sorgfältig, verantwortungsvoll – und ist dabei oft gegen die Zeit unterwegs.

Später bei einer anderen Patientin messe ich den Blutzucker, bereite die Medikamente vor und erkläre noch einmal ruhig die Einnahme. Auch ein zweites Mal. Die Patientin ist unsicher, hat Angst, etwas falsch zu machen. Also nehme ich mir die Zeit. Auch das gehört dazu: Sicherheit zu geben.

Der Dienstag macht mir wieder bewusst: Pflege bedeutet, Prioritäten zu setzen.
Und dabei den Menschen nie aus dem Blick zu verlieren.


Barrierefreiheits-
optionen

Medien

Invertiert

S/W

Fokus